Ozempic und Ihre Augen: Warum die Untersuchung beim Augenarzt der erste Schritt zur Therapie ist

Sie planen eine Therapie mit Semaglutid (Handelsname Ozempic® oder Wegovy®), um Ihren Diabetes besser einzustellen oder eine Gewichtsreduktion zu erzielen? Dies ist oft eine medizinisch sehr sinnvolle Entscheidung für Ihre allgemeine Gesundheit.

Doch bevor Sie die erste Injektion Ozempic® oder Wegovy® setzen, ist eine spezialisierte augenärztliche Untersuchung unerlässlich. Das Auge ist ein hochsensibles Organ, das auf die starken metabolischen Eingriffe dieses Medikaments mitunter unerwartet reagieren kann und ihr Sehvermögen kann dadurch Schaden nehmen.

Wir möchten Ihnen erklären, warum Sie vor Therapiebeginn eine sorgfältige Untersuchung Ihrer Augen durchführen lassen sollten und welche Risiken Sie damit ausschließen können.

1. Verschlechterung der diabetischen Netzhautveränderungen, oder: Das Netzhaut-Paradoxon („Early Worsening“)

Es klingt widersprüchlich: Langfristig schützt ein guter Blutzuckerwert Ihre Augen. Kurzfristig jedoch kann eine zu schnelle Absenkung des Blutzuckers (HbA1c-Wertes), wie sie durch Ozempic® oft erreicht wird, gefährlich sein.

Die feinen Blutgefäße Ihrer Netzhaut haben sich über Jahre an das hohe Zuckerniveau „gewöhnt“. Wird ihnen der Zucker zu abrupt entzogen, geraten die Gefäßwände unter Stress. Dies kann zu einer vorübergehenden Verschlechterung einer diabetischen Retinopathie führen – es kann zu Einblutungen oder Flüssigkeitsansammlungen (Ödemen) in der Netzhautmitte kommen.

Unser Ziel: Wir müssen vorab prüfen, ob Ihre Netzhaut stabil genug für eine schnelle Blutzuckersenkung ist, oder ob Ihr Internist /  Diabetologe die Dosis langsamer steigern muss.

2. Das Risiko am Sehnerv (NAION)

Neuere Daten deuten darauf hin, dass unter der Therapie mit Semaglutid ein erhöhtes Risiko für einen sogenannten „Sehnerv-Infarkt“ besteht (Fachbegriff: NAION – Nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie). Dies führt zu einem plötzlichen, oft bleibenden Sehverlust. Diese schwere Komplikation tritt zum Glück sehr selten auf, in etwa bei 1 von 10.000 Patienten. Studien zeigen ein 2- bis 7- fach erhöhtes Risiko für eine NAION unter Therapie mit Semaglutid:
Patienten, die Semaglutid zur Behandlung ihrer Diabetes-Erkrankung erhielten, hatten ein in etwa 2-fach erhöhtes Risiko.
Patienten, die zur Gewichtsreduktion behandelt wurden, hatten jedoch ein beinahe 7-fach erhöhtes Risiko.

Und: Es waren vor allem Menschen mit einer bestimmten anatomischen Besonderheit am Sehnervenkopf, einer sogenannten „Crowded Disc“ betroffen.

Eine „Crowded Disc“ bezeichnet eine angeborene anatomische Konfiguration des Sehnervenkopfes (Papille), bei der die Öffnung im Augapfel, durch die der Sehnerv aus dem Auge austritt im Verhältnis zur Dicke des Sehnerven sehr eng ist.
Man spricht in der Augenheilkunde auch oft von einer „Disc at Risk“, da dadurch das Risiko für eine NAION deutlich erhöht ist.
Die normalerweise erkennbare Mulde in der Mitte des Sehnervenkopfes (der Papille) fehlt fast vollständig und die Ränder des Sehnervs können manchmal leicht unscharf oder erhaben wirken, selbst ohne krankhafte Schwellung (Pseudopapillenödem).

Unser Ziel: Wir vermessen den Eintrittswinkel und die Platzverhältnisse Ihres Sehnervs (Cup-to-Disc-Ratio). Dazu erfolgt eine klinische Untersuchung, eine Fotodokumentation und eine objektive hochauflösende Vermessung der Papille mittels OCT (Optische Cohärenz-Tomographie). Liegt hier eine kritische anatomische Enge vor (Ratio < 0,2), ist das Risiko eines Verschlusses unter Ozempic® signifikant erhöht. In diesem Fall ist das Medikament aus augenärztlicher Sicht kritisch zu betrachten.

3. Schwankungen der Sehschärfe

In den ersten Wochen der Therapie mit Semaglutid bemerken viele Patienten, dass sie verschwommen sehen oder ihre Brille nicht mehr zu passen scheint.

Dies liegt an osmotischen Veränderungen in der Augenlinse: Durch den sinkenden Zuckergehalt verändert sich der Wasserhaushalt der Linse und damit ihre Brechkraft.

Die gute Nachricht: Dies ist meist harmlos und reversibel. Es ist jedoch wichtig, dieses Symptom von den oben genannten ernsten Komplikationen zu unterscheiden. Kaufen Sie in dieser Phase keine neue Brille, sondern warten Sie, bis sich die Werte stabilisiert haben.

Fazit: Sicherheit vor Schnelligkeit

Die Therapie mit Ozempic® ist ein mächtiges Werkzeug. Damit dieses Werkzeug Ihrem Körper nutzt und Ihren Augen nicht schadet, benötigen wir vor Therapiebeginn den Status quo.

Die Untersuchung bei uns dient als Ihre Sicherheits-Schranke:

  1. Ausschluss anatomischer Risikofaktoren am Sehnerv (Crowded Disc).
  2. Dokumentation des Netzhautzustandes vor der raschen Stoffwechseländerung (Blutzuckersenkung / Gewichtsverlust).
  3. Festlegung individueller Kontrollintervalle.

Bitte vereinbaren Sie Ihren Termin zur „Semaglutid-Voruntersuchung“ rechtzeitig vor dem geplanten Therapiestart. Ihr Augenlicht hat Priorität.

 

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